Ramzy Baroud, 03.10.2026
Als ich zum ersten Mal Aufnahmen des Arztes Munir al-Bursh aus Gaza und seiner Familie sah – wie sie neben dem in ein weißes Tuch gehüllten Leichnam seines Sohnes knieten, umgeben von Trauernden –, hielt ich das Video für eine alte Aufnahme. Das war es jedoch nicht.
Meine Schlussfolgerung war dennoch verständlich. Im Dezember 2023, nur wenige Monate nach Beginn des israelischen Völkermords in Gaza, war die Familie al-Bursh Ziel eines israelischen Angriffs geworden. Dr. Munir, Generaldirektor des Gesundheitsministeriums von Gaza, wurde verwundet. Ebenso andere Familienmitglieder. Seine Tochter Jinan, erst 13 Jahre alt, kam ums Leben.
Noch am selben Tag nahm der beliebte Arzt aus Gaza seine Arbeit wieder auf und schloss sich den vielen Ärzten im gesamten Gazastreifen an, die versuchten, Leben zu retten, während die israelische Tötungsmaschine tausende Menschenleben forderte.
Doch bei den jüngsten Aufnahmen handelte es sich nicht um altes Material, das wieder aufgetaucht war. Es war ein neuer Sarg, eine neue Beerdigung, ein weiteres Kind, das von derselben Familie zu Grabe getragen wurde. Diesmal ereignete sich der Angriff während einer Phase, die manche Medien weiterhin als „Waffenruhe in Gaza“ bezeichnen.
Am 19. September tötete ein israelischer Drohnenangriff al-Burshs ältesten Sohn Basir vor einem Zelt westlich des Flüchtlingslagers Dschabaliya.
„Wir waren zusammen, Seite an Seite“, erinnerte sich der trauernde Vater. Basir hatte ihn gewarnt: „Die Israelis haben uns beide im Visier.“ Augenblicke später trat sein Sohn aus dem Zelt und wurde getötet.
Man kann es niemandem verübeln, wenn er die Gegenwart in Gaza mit der jüngsten Vergangenheit verwechselt. Die Szenen, die uns heute erreichen, sind kaum von jenen zu unterscheiden, die dem sogenannten Waffenstillstand vom Oktober 2025 vorausgingen. Der Ablauf wiederholt sich auf erschreckend vertraute Weise: israelische Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Scharfschützenfeuer; getötete Palästinenser; Hinterbliebene, die ihre Toten durch die zerstörten Straßen Gazas tragen und inmitten der Ruinen nach einem Ort suchen, um sie zu beerdigen.
Al-Burshs Geschichte ist Teil dieser schrecklichen Kontinuität, doch ihre Bedeutung reicht weit über seinen persönlichen Verlust hinaus. Während des gesamten Völkermords wurden er und andere palästinensische Ärzte zu den De-facto-Sprechern des Gazastreifens. Sie zählten die Toten und Verwundeten, dokumentierten Hunger und Zerstörung und hielten den Zusammenbruch des medizinischen Systems aus dem Inneren der Krankenhäuser heraus fest. Dabei avancierten sie zur höchsten moralischen Instanz des Gazastreifens – glaubwürdiger als Politiker oder selbsternannte Anführer.
Und die Welt hörte zu. Die Ärzte aus Gaza knüpften eine Verbindung zur weltweiten Zivilgesellschaft, wie sie keine politische Institution hätte herstellen können.
Vielleicht erklärt dies den erschütternden Preis, den die medizinische Gemeinschaft des Gazastreifens zahlen musste. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurden seit 2023 mehr als 1.700 im Gesundheitswesen tätige Personen getötet; zudem gab es mindestens 920 Angriffe auf Einrichtungen und Personal des Gesundheitswesens.
Dr. Hussam Abu Safiya wurde – ebenso wie Dr. al-Bursh – zu einem Symbol dieses medizinischen Widerstands. Der Leiter des Kamal-Adwan-Krankenhauses blieb trotz Belagerung und wiederholter israelischer Angriffe auf seinem Posten, bis er im Dezember 2024 von israelischen Streitkräften festgenommen wurde. Er befindet sich weiterhin ohne Anklage oder Prozess in Haft; sein Anwalt berichtet von Misshandlungen und einer Verschlechterung seines Gesundheitszustands.
Dr. al-Bursh wiederum bleibt standhaft, trotz wiederholter Schicksalsschläge, die viele andere gebrochen hätten. Auch seine Frau verkörpert *Sumud* – jene palästinensische Tradition der Standhaftigkeit, die im häuslichen Umfeld gepflegt und von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.
Selbst unmittelbar nach der Tötung seines Sohnes warnte al-Bursh weiterhin vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems im Gazastreifen. Tatsächlich waren Krankenhäuser gezwungen, geplante Operationen und ambulante Behandlungen einzustellen, während weiterhin ein gravierender Mangel an Treibstoff, Medikamenten und medizinischer Ausrüstung herrscht.
„Die geringen Mengen an Treibstoff, die die Enklave erreichen, halten die Gesundheitseinrichtungen gerade so am Leben“, warnte al-Bursh einen Tag nach der Ermordung seines Sohnes.
Seine Äußerung fiel in eine Zeit, in der führende Politiker aus aller Welt Tausende Kilometer entfernt in New York zur 81. Sitzung der UN-Generalversammlung zusammenkamen.
Und wieder einmal hallte das Thema Palästina durch Rede um Rede, wenngleich die Sprache diesmal eine neue Dringlichkeit aufwies.
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez verurteilte „den Völkermord, den Netanjahu weiterhin im Gazastreifen verübt“. UN-Generalsekretär António Guterres beschrieb die Massenvernichtung durch Israel als ein Geschehen von „einem Ausmaß an Töten und Zerstörung, wie ich es während meiner Amtszeit noch nie erlebt habe“. Selbst der französische Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Lage im Gazastreifen als „ein Drama, das uns alle beschämt“, und fragte: „Was ist unsere Glaubwürdigkeit wert, wenn wir angesichts des Gazastreifens untätig bleiben?“
Dann trat der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu auf.
Dutzende Delegierte verließen den Saal, als er sich dem Rednerpult näherte, und hinterließen reihenweise leere Plätze, während vor dem UN-Gebäude die Proteste weitergingen. Netanjahu reagierte darauf, indem er diejenigen, die den Saal verlassen hatten, als „moralische Feiglinge“ bezeichnete.
Man könnte an dieser Stelle innehalten und von einer Wende sprechen – von Strömungen, die sich ändern, und einer Welt, die sich langsam aus dem jahrzehntelangen Griff Israels und seines amerikanischen Schutzherrn löst.
Doch Gaza hat nicht den Luxus von Zeit. Während die Worte durch die Hallen der Vereinten Nationen hallen, werden weiterhin Kinder vor den Augen ihrer Familien getötet. Massenbeerdigungen gehören nach wie vor zum Alltag in Gaza. Etwa 1,7 Millionen Menschen sind weiterhin auf der Flucht; viele leben in unzureichenden Unterkünften, ohne ausreichend sauberes Wasser oder sanitäre Einrichtungen. Die Krankenhäuser sind weitgehend funktionsunfähig. Und über dieser Trümmerlandschaft kreisen weiterhin die Drohnen.
Zwischen heute und der nächsten UN-Generalversammlung liegt ein ganzes Jahr – 365 Tage, in denen diese Worte entweder an Bedeutung gewinnen oder zu einem weiteren Eintrag im langen Archiv der Reden über Palästina werden können. Es bleibt jedoch Zeit, Rhetorik in Politik umzusetzen: Sanktionen zu verhängen, Boykotte einzuleiten, wirksame Hilfe zu leisten und die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.
Bis dahin werden Dr. Munir al-Bursh und Tausende von Männern und Frauen in Gaza inmitten zerstörter Krankenhäuser, vernichteter Häuser und einer erschöpften Bevölkerung weiter ausharren.
Ihre Widerstandskraft ist außergewöhnlich. Doch man kann von Gaza nicht erwarten, dass es einfach weiter durchhält, nur weil es bewiesen hat, dass es dazu fähig ist.
In New York wird am Rednerpult über Palästina gesprochen. In Gaza werden Palästinenser weiterhin zu Grabe getragen.
Es ist an der Zeit, die Kluft zwischen Worten und Taten ein für alle Mal zu überbrücken.
Quelle: https://www.antikrieg.com
