„NAZA“: Israels Tötungsmaschine im Gazastreifen entlarvt

Nahostpolitik

Unser neuer Film zeigt anhand der Aussagen der Verantwortlichen, dass das Massaker Israels an palästinensischen Zivilisten ein kalkulierter und vorsätzlicher Akt war.

Yuval Abraham und Rachel Szor, 17.09.2026

In den vergangenen drei Jahren führten wir auf den Dächern von Tel Aviv nächtliche Interviews mit 24 israelischen Soldaten, die eine aktive Rolle bei Israels Angriff auf den Gazastreifen gespielt hatten. Die meisten von ihnen waren Geheimdienstoffiziere; sie arbeiteten vor Bildschirmen und waren aus der Ferne an der massenhaften Tötung von Palästinensern beteiligt.

Ihre Aussagen bilden die Grundlage für „NAZA“, einen neuen Dokumentarfilm unter unserer Regie – produziert von The Guardian und James Wilson, mit Jonathan Glazer als ausführendem Produzenten –, der heute Abend bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig Premiere feiert.

Wir haben diese Soldaten nicht deshalb interviewt, weil dies der einzige Weg gewesen wäre, um zu erfahren, was Israel im Gazastreifen getan hat. Wer auch immer die Verwüstung im Gazastreifen gesehen, den Bewohnern zugehört oder die israelische Führung schlicht beim Wort genommen hat, hätte diese Wahrheit schon vor Jahren erkennen können.

Wir haben diesen Film aus einem einfachen Grund gedreht: Uns war klar, dass Aussagen von Offizieren und Soldaten jener Armee, die den Gazastreifen verwüstete – jener, die die Überwachung durchführten, die berechneten, wie viele Unschuldige bei einem Angriff auf ein Haus voraussichtlich getötet würden, und die wiederholt grünes Licht für die Bombardierung ganzer Familien gaben –, es noch schwieriger machen würden, diese Verbrechen zu leugnen. Und genau dieses Leugnen trägt dazu bei, dass diese Verbrechen bis heute fortgesetzt werden können.

Dies ist ein Film über ein System. Er konzentriert sich auf Befehle, politische Vorgaben und Einsatzmuster, nicht auf Abweichungen davon. Die Schlussfolgerung, die wir aus den Aussagen ziehen, ist eindeutig: Die massenhafte Tötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen war kein „tragisches Nebenprodukt“ eines Krieges gegen die Hamas – wie es in Israel gemeinhin dargestellt wird –, sondern ein vorsätzlicher, kalkulierter und bewusster Akt. Aus diesem Grund haben eine UN-Kommission, weltweit führende Menschenrechtsorganisationen sowie palästinensische, israelische und internationale Wissenschaftler das Geschehen als Völkermord bezeichnet.

Der Titel des Films, „NAZA“ – ein hebräisches Akronym für „Kollateralschaden“ –, ist eine Kritik an der Art und Weise, wie Israel die Tötung von Zivilisten darstellt: Dabei werden sowohl das Vorwissen darüber, wie viele Menschen bei einem Angriff voraussichtlich getötet werden, als auch die Zerstörungsabsicht, die den Militäreinsatz von Anfang an begleitete, verschleiert. Einer der von uns befragten Offiziere schildert, wie er in Echtzeit genau wusste, dass Familien in ihren Häusern ihrem normalen Alltag nachgingen – ein Mann, der mit seiner Frau sprach, der Ton einer Fernsehsendung, Gebete, ein weinendes Baby –, und wie er dann den Befehl zur Bombardierung gab. Auf die Frage nach dem Warum erklärte er: „Man muss verstehen, dass das Ziel die Zerstörung ist.“

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Anwesenheit einer Person, die Israel als Ziel für eine gezielte Tötung eingestuft hat, in einem bestimmten Haus zur Nebensache – zum „Kollateralaspekt“; tatsächlich stellte sich in vielen Fällen heraus, dass das Zielobjekt gar nicht anwesend war. Die Tötung an sich war das eigentliche Ziel.

Ein Blick in die Dunkelheit

Die Soldaten, die im Film auftreten, erklärten sich nur unter der Bedingung zu einem Gespräch bereit, dass ihre Identität streng geheim gehalten würde; sie fürchteten Vergeltungsmaßnahmen Israels, weil sie belastende Informationen öffentlich machten. Einige ihrer Aussagen waren so dringlich und erschütternd, dass wir sie fast umgehend in einer Reihe investigativer Berichte für das +972 Magazine, Local Call und The Guardian veröffentlichten.

Die meisten der von uns befragten Soldaten gehören zur sogenannten sozioökonomischen Elite Israels und dienten vorwiegend in angesehenen Einheiten der Nachrichtendienste. Einige waren sich bewusst, dass sie an schweren Verbrechen beteiligt gewesen waren; sie hofften, dass ihr öffentliches Zeugnis dazu beitragen würde, die Mauern des Leugnens und der Rechtfertigung zu durchbrechen und die israelische Öffentlichkeit zu zwingen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die Armee in ihrem Namen ausführte. Andere willigten erst nach monatelangem Zögern in ein Gespräch ein – sei es aus Schuldgefühlen, Scham oder sogar aus Stolz auf das, was sie als ihre beruflichen Leistungen betrachteten.

Unser Film verweilt nicht lange bei ihren Beweggründen – eine bewusste Entscheidung. Er konzentriert sich vor allem auf den Tötungsakt selbst und auf die Faktoren, die diese Tötungen ermöglichen. Würden wir zu viel Zeit auf die moralischen und politischen Haltungen unserer Gesprächspartner verwenden, bestünde die Gefahr, den Fokus von den Opfern abzulenken; genau das wollten wir vermeiden.

Wir haben die Entscheidung, Personen Anonymität zu gewähren, die nach eigenen Angaben an entsetzlichen Verbrechen beteiligt waren, nicht leichtfertig getroffen. Doch angesichts der anhaltenden Begehung dieser Verbrechen sahen wir uns in der Pflicht, ihre Berichte öffentlich zu machen – in der Hoffnung, damit zu den Bemühungen beizutragen, diesem Vernichtungsfeldzug ein Ende zu setzen. Die Aussagen der Soldaten belasten zudem ein weitaus größeres System, für das die höchsten Ebenen der israelischen politischen und militärischen Führung die letztendliche Verantwortung tragen. Wir hoffen, dass der Film dazu beitragen kann, Rechenschaft für die schweren Verbrechen Israels einzufordern und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Der Film ist jedoch nicht bloß eine Sammlung von Soldatenaussagen. Wir haben unseren Blick auch auf Tel Aviv und seine Bewohner bei Nacht gerichtet und die Stadt als eine „Blase“ hinterfragt, in der das alltägliche Leben seinen Lauf nimmt, während nur 60 Kilometer entfernt Palästinenser massakriert werden. Indem wir die Stadt betrachteten, von der aus der Krieg gegen Gaza gesteuert wird, versuchten wir, jene Mechanismen der Konformität zu ergründen, die eine solch weitverbreitete Gleichgültigkeit erst ermöglichen.

Dabei sahen wir uns mit Fragen konfrontiert, die sich schon die Generation unserer Großeltern gestellt hatte – Fragen, die Menschen weltweit aufwarfen, nachdem sie von Gräueltaten und Völkermorden an anderen Orten erfahren hatten: Wie kann eine Gruppe von Menschen der vollständigen Entmenschlichung einer anderen zustimmen? Und wie stellt sich ein auf Völkermord ausgerichtetes System von innen heraus dar?

In den kommenden Jahren – womöglich in einer Ära nach Netanjahu, sollte es dazu kommen – werden Teile des liberalen Lagers in Israel womöglich versuchen, sich von den Verbrechen in Gaza zu distanzieren und diese allein der rechtsextremen Regierung zuzuschreiben. Zweifellos trägt diese Regierung die Hauptverantwortung für den Tod von mehr als 73.000 Menschen – überwiegend Zivilisten –, der auf die verbrecherischen Massaker der Hamas vom 7. Oktober folgte. Doch ein erheblicher Teil dieser Tötungen wurde von Soldaten verübt, die aus der Mitte des liberalen Lagers stammten: Offiziere der Nachrichtendienste und der Luftwaffe, die in den prestigeträchtigsten Einheiten des Militärs dienten.

Piloten der Luftwaffe mögen vorbringen, sie hätten lediglich Befehle ausgeführt – sie hätten Koordinaten erhalten, die Bombe abgeworfen und seien heimgekehrt, ohne zu wissen, was sie getroffen hatten. Infanteristen werden sich damit verteidigen, dass sie nicht immer wussten, wen sie trafen – unter anderem aufgrund der Unwägbarkeiten des Krieges („Fog of War“). So fragwürdig diese Rechtfertigungen auch sein mögen: Was das Personal der Nachrichtendienste wusste, lässt sich nicht leugnen. Sie sahen und hörten mit eigenen Augen und Ohren, dass die Häuser, die sie als „belastend“ markierten, voller Familien waren. Sie wussten, dass die zahlreichen „NAZA-Freigaben“ nicht mit Zielen von nennenswertem militärischem Wert in Verbindung standen. Und doch wirkten sie an dieser Todesmaschinerie mit – ohne nennenswerte Akte der Verweigerung oder des Widerstands.

Der Film zeigt, wie ein Tötungssystem aussieht, das auf der Vorstellung beruht, dass es „keine Unschuldigen in Gaza“ gibt – oder, um es in der Sprache der Geheimdienste auszudrücken: „Es gibt kein NAZA in Gaza.“ Damit dürfte der Film jenen den Boden entziehen, die die Wahrheit leugnen oder Zweifel säen, sowie all jenen, die sich in der Grauzone zwischen Wissen und Nichtwissen über die Geschehnisse 60 Kilometer südlich von Tel Aviv eingerichtet haben.

Der Film feiert heute Abend in Venedig Premiere und wird bald in New York zu sehen sein, bevor er weltweit in den Verleih kommt. Doch er richtet sich auch nach innen, an die israelische Gesellschaft. Er wurde vollständig bei Nacht gedreht – ein Spiegelbild der tiefen Dunkelheit, in der er entstand und in der wir selbst leben. Doch ohne eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was im Dunkeln geschah, wird niemand von uns das Licht sehen können.

Quelle: https://www.antikrieg.com

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